23.04.2026 - Messebeteiligungen unter interkulturellen Bedingungen – Teil 4: Vorderasien, naher und mittlerer Osten
Wir hatten zunächst den vierten Teil unserer interkulturellen Messebetrachtung aufgrund der aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen im Libanon und im Iran und dessen Auswirkungen auf die Emirate und andere angrenzenden Länder sowie die Weltwirtschaft verschoben. Wir gehen aber mittlerweile davon aus, dass die militärsichen Auseinandersetzungen noch länger dauern werden. Und selbst nach einem – wie auch immer – herbeigeführten formellen Ende der gegenseitigen Angriffe wird diese Krise vor allem auch in den direkt involvierten Ländern dieses Kulturraums wirtschaftspolitisch noch lange nachwirken. Eine Rückkehr zu geschäftlicher „Vorkrisennormalität“ mit überregionalen bzw. internationalen Veranstaltungen / Messen halten wir daher auf längere Sicht für unwahrscheinlich. Da man aber sicher, vielleicht sogar substitutiv vermehrt, bei Veranstaltungen / Messen außerhalb der krisenbetroffenen Länder auf Teilnehmer dieses Kulturraums als Aussteller wie als Besucher treffen wird, wollen wir die Kultur dieser Region in unserer Artikelreihe heute dennoch skizzieren.
In Bezug auf Messen sind insbesondere die Arabischen Emirate, die Türkei, Ägypten und Israel von Relevanz. In den islamistisch geprägten Ländern dieser Region sind Gastfreundschaft, Beziehungs- und Vertrauensaufbau und Ehre / Gesichtswahrung zentrale Werte. Entsprechend wichtig ist eine sehr kontextbezogene Kommunikation und man sollte Missfallen oder Kritik möglichst nicht direkt auszudrücken.
Außer teilweise in Israel und in der Türkei herrschen in den islamistisch dominierten Kulturräumen konservative Haltungen und maskuline und hierarchische Kulturen mit hohem Machtindex vor, wo sich Frauen um Familie, Haushalt und Kinder zu kümmern haben und weibliche Geschäftspartner und damit Messebesucher eher eine Ausnahme sind. Je moderner / westlicher eine Frau eingestellt ist (sein darf), kann man an ihrer Kleidung erkennen, je weniger verhüllt sie ist und je mehr man ihre Schuhe sehen kann, desto weniger konservativ kann man der Frau begegnen.
In Unternehmen sind die Management- / Entscheiderstellen oft mit Mitgliedern der in der Regel umfangreichen Familie besetzt, da man zu diesen Personen Vertrauen haben kann, denn in einer Familie betrügt / hintergeht man sich nicht. Entsprechend wichtig werden jedwede Familienangelegenheiten genommen, sie gehen auch geschäftlichen Interessen vor.
Auch in Bezug auf Geschäftspartner steht das Herstellen einer guten Beziehungsebene grundsätzlich vor dem Geschäft; Vertrauen zu gewinnen, ist daher absolut wichtig und man sollte sich immer alle erforderliche Zeit für den Beziehungsaufbau und für Beziehungspflege nehmen. Der angehende Geschäftspartner will wissen, mit wem er sich auf ein Geschäft einlässt. Gespräche, auch mit persönlichen Inhalten, sind dazu Grundlage, den potenziellen Partner als Menschen kennenzulernen, einschätzen zu können und Gemeinsamkeiten zu finden, Sympathie und Vertrauen zu erzeugen. Geschäftliche Konversationen sind daher gerade zu Beginn oft weitschweifig und nicht themenfokussiert geschäftlich.
Bei Kaufverhandlungen gehören Preisverhandlungen und Feilscherei zu jedem guten Geschäft. Lässt man sich nicht darauf ein (auch als Kaufinteressent), verdirbt man die Freude an einer Geschäftsverhandlung und man wird meist keinen Geschäftserfolg haben.
Geschäftspartner werden formell und mit Titel (so vorhanden) angeredet, denn der Status in der Gesellschaft und die berufliche Position (–> Entscheidungsbefugnis) spielen eine wichtige Rolle (–> Visitenkarte!).
Der Business-Dresscode ist durchaus formell und mit wertigem Kleidungsstil. Zur Begrüßung ist im Geschäftsleben der Handschlag üblich, aber weniger fest als in Deutschland und man schaut sich dabei in die Augen. Bei bestehender guter Beziehung ist auch eine Umarmung möglich. Begrüßt man als Mann eine Frau, ist zu warten, bis die Frau die Hand reicht, denn sie entscheidet, ob und wen sie grüßen möchte.
Einladungen zu Geschäftsessen sind üblich, wenngleich dabei dann oft wenig über das Geschäft an sich gesprochen wird. Sofern einheimische Frauen teilnehmen, hilft man Frauen bei der Verabschiedung nicht in den Mantel.
Als Gast hat man zu warten, bis man aufgefordert wird, mit dem Essen zu beginnen oder, bis der Gastgeber zu essen beginnt. Man wird Ihnen das Beste an Essen kredenzen und die – aus einheimischer Sicht – größte Delikatesse vor dem Gast platzieren. Diese sollte nicht verschmäht werden, das würde zutiefst unhöflich sein und die Beziehung beschädigen. Ist man gesättigt, lehnt man das Mahl lobend weitere Essensangebote dreimal höflich ab und lässt – wie in China – einen kleinen Rest auf dem Teller zurück. Denn: leere Tassen und Teller würden signalisieren, dass das Essen nicht ausreichend gewesen und der Gastgeber ein schlechter Gastgeber wäre.
Alkohol ist in islamistischen Kulturen zumindest offiziell tabu. Bei der Messestandbewirtung sollte man Wasser, Tee, Kaffee, Säften, Keksen, Datteln, Obst und Gebäck anbieten. Beim Sitzen (auch im Messestand) sollte man den einheimischen Personen nie die Fußsohlen zeigen, da sie als unrein gelten (auch nicht durch übergeschlagene Beine beim Sitzen). Beim Betreten eines privaten Raumes werden meist die Schuhe ausgezogen, in Moscheen immer ein Muss! Gegenstände des Gastgebers, die einem ausnehmend gut gefallen, sollte man nicht thematisieren bzw. loben, der Gastgeber sähe sich aus Höflichkeit gezwungen, einem den Gegenstand zu schenken.
Private Einladungen gelten als große Ehrerbietung, die man nicht unbedingt sofort annehmen muss, sie aber weder direkt ablehnen und final keinesfalls ausschlagen sollte. Gastgeschenke sind nicht unbedingt erforderlich, aber auch nicht verpönt. Es ist darauf zu achten, dass man mit Geschenken gute Qualität verschenkt, keine religiösen Tabus damit verletzt und sie mit der rechten Hand übergibt, da die linke Hand zum Verrichten unreiner Aufgaben gesehen wird. Sollte der Gastgeber seine Kinder vorstellen, sollte man nicht deren Aussehen loben, das würde die Aufmerksamkeit böser Geister auf sie lenken und Unglück bringen.
Religion ist eine allgegenwärtige, bedeutsame Kulturdimension und Gebetszeiten oder Fastenzeiten (Ramadan / Messestandbewirtung) bzw. in Israel der Sabbat (jegliche Arbeit ruht, selbst konservativ-orthodoxe Taxifahrer verweigern dann einen Transport und auch Geldwechsel im Hotel kann unmöglich werden) sind zu achten. Religiöse Themen sollte man im Gespräch / Smalltalk unbedingt vermeiden. Die Farbe „Grün“ ist im Islam die Farbe des Propheten und heilig. Sie sollte – wenn überhaupt – in islamistischen Ländern daher höchst sparsam eingesetzt werden (–> Logos, Standbau, Kleidung).
Die klimatischen Verhältnisse sind hinsichtlich Klebungen zu berücksichtigen, so lösen sich z.B. Klebebuchstaben bei den höheren Temperaturen leicht ab, Schriften und Bilder sollten also besser aufdruckt oder anders befestigt werden. Beim Messebau ist der Qualitätsstandard (Spaltmaße, lotgerechte Wände etc.) einheimischer / regionaler Handwerker deutlich pragmatischer als bei uns.
Auch wenn Englisch als Geschäftssprache üblich ist, sollte man aus Höflichkeit dem Gastland gegenüber zumindest Überschriften und Slogans am Stand zusätzlich zu Englisch – außer in Isreal oder in der Türkei – auch in arabischer Sprache stehen haben.
